Dinge heben. Für Männer und Frauen und Einhörner.

Frauen sind schwach. Männer sind stark.

Das ist eine goldene Regel.

Szene aus der Hüft/Bein Therapie in der Reha:

Ich greife nach der obersten Matte. Eine blaue etwas größere. Schliesslich bin ich groß.

„Nein, bitte nehmen Sie sich eine von den Roten. Die Herren: Bitte nehmen sie doch alle einmal eine blaue Matte, die sind schwerer.“

Ich lasse die blaue Matte liegen. Gehe auf meinen Platz zurück und schaue zu wie ‘die starken Männer’ sich ihre Matten holen. Ein humpelnder kleinerer Mitte-50ger, ein gebeugter und humpelnder langer, sehr schmaler … alle sind sie hier weil sie Probleme haben. Bei den beiden weiß ich auch welche. Ich weiß, dass grade ersterer viele Probleme mit Heben und überhaupt Bücken hat.

Alle Menschen die in Reha gehen haben körperliche Probleme. Ansonsten wären sie nicht hier. Bei mir isses halt nicht so mega dramatisch und ich hab durch meine Vorgeschichte mit vielen Dingen – wie zB Rückengerechtem Anheben von Dingen – eigentlich wenige, bis gar keine Probleme.

Trotzdem muss der wesentlich beeinträchigtere Kollege die schwere Matte nehmen und ich soll sie nicht nehmen.

Da geht’s gefühlt nur um 500g (was es lächerlich genug macht) – aber es geht noch extremer.

Ein Vortrag zum Thema Heben und Arbeitsplatzgestaltung. Da gibt’s dann ne Schicke Tabelle, welche Gewichte maximal wann wie oft getragen/gehoben werden sollten.

Bei <5% steht da bei Männern 55kg und bei Frauen 15kg.

Ganz im Ernst: 55kg heben is immer scheiße. Und wer nen fiesen Bandscheibenvorfall hat kann auch die 15kg nich ohne Schmerzen heben. Aber: wir Teilen nicht ein nach Können oder nicht Können, sondern nach männlich und weiblich. Ich finds absurd.

Frauen werden auf dieser Ebene halt voll entmündigt. Das zarte schwache Geschlecht, was mer immer beschützen muss und sich bloß nicht überlasten sollte und bei Männern werden teilweise absurde Ansprüche gestellt, so dass mer sich nich wundert, dass der Rücken dann kaputt is, oder zB sich jemand nicht traut zu erzählen, dass mer Schmerzen hat – weil als Manntm mus mer das ja können.

Jetzt kommt der Lieblingseinwurf einer Freundin von mir – sie ist Rettungsassistentin. „Frauen und Männer sind aber doch körperlich unterschiedlich“ – das sind Menschen immer. Und im Rettungsdienst kann ich verstehen, dass mer gewisse Kategorisierungen braucht um sich zB wegen der Dosierung von Medikamenten nen Orientierungspunkt zu haben. Ob das jetzt männlich/weiblich sein sollte/muss is dann nochmal was anderes, aber nun ja. Trotzdem muss mer bei nem Notfall ja noch schaun, wer da eigentlich vor einem liegt und es dann anpassen.

Bei der Reha – zumindest so wie ich es erlebt habe – macht es aber absolut keinen Sinn.

Da ist ein Raum voll mit ca 15 Patient_innen. Alle haben Gebrechen. Die Therapeut_innen wissen bei den wenigstens warum sie sich im Raum befinden. Da sollte mer doch zB einfach sagen – wer fitter is machts so, alle anderes könnens so machen.

Die Tabelle mit den 55kg und den 15kg hat dann auch im Alltag – der Realität – einfach keinerlei Relevanz. Ich hab in der Pflege mit großteils weiblichen Kolleg_innen gearbeitet – der Patient hatte 100kg und dann musste der halt auch mobilisiert werden. Und jetzt in der Produktion hab ich für jeden Scheiß Hilfsmittel und Kräne und muss eigentlich nie mehr als 15kg heben – da habe ich nur männliche Kollegen.

Auf der anderen Seite: in der Pflege wurde dann aber auch ab und an nach „den starken Männern“ (wenn dann mal welche da waren) gerufen. Was ich dann häufig nich verstanden hab, weil die Mädels das in der Regel ganz gut selbst hinbekommen haben, wenn keine Männer da waren. Ausserdem: warum sollten sich Männer mehr den Rücken ruinieren als Frauen? Wollen wir nich lieber drüber reden, wie mer Arbeit so gestalten kann, dass sich niemand mehr den Rücken kaputt machen muss?

Zum Schluss noch: Wenn einem Mädchen ein Leben lang erzählt wird „Das is zu schwer für dich. Mach das mal nich. Lass das mal den Jungen machen.“

Was hat das wohl für Auswirkungen?

Um mich nicht mehr so über die Leute in der Reha zu ärgern, blende ich die Phrasen in meinem Kopf einfach immer aus und ersetze Geschlechtsbezeichnungen durch das Wort Einhörner. Aber auf Dauer wärs mir ja lieber, wenn das nich mehr nötig wäre…

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