Die Gothic Szene…

…und die Naziästhetik.

Vorbemerkung: Ich habe den Text an eine Freundin weiter gegeben zum Korrekturlesen und kommentieren, weil ich mir mit dem ganzen Thema recht unsicher war. Ich fand ihre Kommentare dann aber so toll und inhaltlich so wichtig, dass ich mir dachte: ich lass sie einfach stehen. Das normal geschriebene ist also von mir, das kursiv geschriebene von ihr (ausser den Zitaten natürlich).

Die Schwarze/Gothic-Szene war schon immer grenzwertig. Das macht sie aus. Grenzen ausreizen. Überschreiten. Gerade in Bezug auf Sexualität/Fetisch und Aussehen. Die ersten Menschen in meinem Umfeld, die Trans*/Homo* waren, habe ich in der Szene kennen gelernt – einfach weil es vollkommen normal war, in der Szene begehrenstechnisch nicht der Norm zu entsprechen. Im Prinzip ist diese Szene mit daran schuld, dass ich mich von ´nem eher homophoben Menschen zu dem Menschen entwickelt habe, der ich jetzt bin.
Was damals schon Thema war – die Rechtslastigkeit mancher Bands, bzw. das Spiel mit der rechten Ästhetik. Laibach ist da wohl das berühmteste Beispiel.

Schon hab ich was zu moppern 😉 Erstens: Damals? Wann war´n das? Und ich sag jetzt nicht Kücken… 😉 Zweitens und wichtiger: Hier fehlt mir aber ganz viel Hintergrund zu Laibach! Die spielen nämlich nicht damit, sondern nutzen das ganze im Gegensatz zu den ganzen Dumpfbacken, die du später erwähnst, zur gezielten Provokation. Das kann man finden wie man will, aber das ist sehr reflektierter Umgang mit jeder Art von generell in totalitären Ideologien genutzter Bild- und Tonsprache.

Meine erste Berührung mit der Thematik war bei And One. Deutschmaschine. Irgendwie im Gesamtkonzept unter Ironie verbuchbar. Dann das Album Body Pop. Da war „Steine sind Steine” drauf. Zitat: „Erst kommt Stolz, dann kommt dein Land, Steine sind Steine, alle an die Wand“, „Sei stolz, Deutscher sei stolz“. Aber das Lied lässt Interpretationsspielraum. Irgendwie waren/sind And One halt akzeptierte Grenzgänger. Gerade auch wegen Steve Naghavi, der selbst Iraner ist. Hätte sich jemand Deutsches dahingestellt und das gemacht – es wäre szene-intern glaube ich umstrittener gewesen.

Hier wird´s bei mir echt schon kritisch. Ich mag einiges musikalisch von denen, krieg aber ´ne Krise auf die Texte. Und finde die auch nicht ironisch. Ok. Paul sagt gerade, er findet die alten Sachen ironisch. Hm. Naja. Aber ich hab dich ja vorgewarnt. Bei mir gehen die Antennen da sehr schnell hoch. Aber bei „Steine sind Steine“ sehe ich ehrlich wenig bis keinen Interpretationsspielraum. Ansonsten fällt mir dazu nur noch ein: Faktisch jeder aus meinem Umfeld, der den Naghavi kennen gelernt hat, hält ihn für ein Riesenarschloch. Vielleicht ist er also auch einfach nur das… 😉

Lange waren And One das für mich auch. Menschen, die Grenzen überschreiten. Provozieren. Aber immer sich selbst dabei auslachend. Dann kam während der Fußball-WM ein Post von Naghavi über „Schamland“. Das sich doch alle, die gegen die WM und Deutschland sind, verpissen sollen usw. Ich finde den Post leider nicht mehr – aber es war eben der typische Sprech a la „Patriotismus ist nicht schlimm“, „Wer was gegen Patrioten hat, soll die Klappe halten“, „Wer sich nicht integrieren will, darf gehen…“
Ich hatte bei And One ja schon länger Probleme, aber an dem Punkt war die Band für mich raus. Keine Selbstironie mehr – kein Interpretationsspielraum. Der Mensch meint das ernst.

Dann Nachtmahr. Ich hab die ersten Lieder gehört und fand´s großartig. Katharsis. Großes Lied. Dann hab ich mir die Homepage angesehen und war etwas geplättet – das war/ist einfach pure Nazi-Ästhetik. Das schwarze N im weißen Kreis. Da gibt´s nicht viel zu interpretieren. Aber nun ja, in der Gothic-Szene nichts Ungewöhnliches – und von einem Österreicher irgendwie doppelt zynisch. Aber hier mal ein Zitat vom neuen Album aus dem Lied „Fahnen unserer Väter“: „Die Fahnen unserer Väter / Wurden uns mit Stahl erkauft / Um des Volkes Freiheit willen / Mit Heldenblut getauft“ – und mich hat das nicht mal mehr überrascht. Ich war das letzte Mal Ende 2013 auf einem Gothic-Festival. In Berlin. Bei dem Nachtmahr aufgetreten sind. Und die Fans hat man alle direkt erkannt – an ihren Frakturschrift-Shirts mit „Division + Heimatstadt“, teilweise ergänzt mit netten patriotischen Sprüchen. Ich würde mal die These aufstellen, Nachtmahr machen das, was seine Fans mögen. Oder naja – zumindest scheinen Nachtmahr nichts dagegen zu haben, eine bestimmte Klientel zu bedienen.

Ich muß zugeben, ich kenne bewußt kein einziges Lied von denen. Und zwar exakt wegen ihrer Ästhetik. Und ihrer Fans. Ich verstehe diese ganzen Nazi-Uniformträger ums Verrecken nicht. Das ist weder lustig noch provokant, sondern einfach nur brunzblöd. Das ganze geht im Künstlerbereich mit ironischer Überhöhung und sehr reflektiertem Umgang damit vielleicht noch gut, siehe Laibach oder auch Iron Sky als Filmbeispiel, aber als dumpfes Wiederaufwärmen alter Riefenstahl-Ästhetik geht das halt in die Hose. Oder wird ernst genommen. Wenn es nicht eh so gemeint ist. Und als „Nichtstar“ in der schwarzen Szene: Wie willst Du denn auf ´ner Party klarmachen, dass Du ironisch Opa´s Uniform trägst? Doch nur mit ´nem riesen Gegen Nazis-Patch drauf. Oder dem Bruch durch andere Elemente. Und das fehlt doch da fast immer. Also warum zur Hölle wundern sich diese Leute, wenn man sie für faschistoid halt?

Retweet vom Account bei Twitter „@ChaOzZzX: „Wenn ich mir die T-Shirts von @nachtmahr_funk ansehe, glaube ich langsam, das gewollt wird, das man mit Linken richtig Stress bekommen soll^^“

Im Gegenzug dazu gibt´s auf ask.fm dann Statements von Thomas Rainer (Nachtmahr) wie dieses hier:
>>Q: In Ö ja keine andere Diskussion als in D – Deine Meinung zur „Islamisierung des Abendlandes”?
>> A: Ich sehe in meinem Land keine Gründe für solche Ängste.

Er spielt also meines Erachtens mit den gesellschaftlichen Grenzen, achtet aber drauf, nicht raus zu fallen, so dass er sich, auch wenn er Lieder wie „Fahnen unserer Väter“ veröffentlicht, auf solche Aussagen zurückziehen kann. Ich habe das Gefühl, er sieht sein Schaffen losgelöst von der Politik, die um ihn rum passiert. Ähnliches würde ich übrigens auch auf Frwld beziehen. Die Künstler wollen keine Verantwortung für das übernehmen, wozu sie den Raum geben: Rechte Ideologie.

Ja, oder sie nehmen es bewusst in Kauf. Stellen sich blöd. Rammstein ist auch ein schönes Beispiel dafür.

Dann Feindflug. Sie spielen mit faschistischer Optik. Und manche Lieder können auch so interpretiert werden. Aber: Das Gesamtbild der Band ist relativ klar – für mich zumindest. Sie ist eine der wenigen, die sich deutlich inhaltlich davon distanziert hat, nicht so wie Freiwild mit der recht leeren “Gegen jeden Extremismus”-Aussage. Was nicht verhindert, dass sie garantiert genug Fans in der rechten Szene haben.

Ich könnte jetzt ewig so weiter machen. Agonoize hat jetzt ein Lied rausgebracht mit dem Titel „Deutsch“ – in dem sie betonen, keine Rassisten zu sein, aber…. (Der @gendalus hat den Text gut zusammengefasst mit „Pegida in Musik gegossen“). Von Tronstahl sind relativ offene Nazis – und deswegen netterweise nicht immer gerne gesehen – aber eben doch immer wieder zu finden. Wumpscut, die auch schon Goebbels-Zitate verwendet haben. Und so weiter.
Außer Von Tronstahl würde ich keine der Bands als klassische Naziband a la Landser oder Störkraft bezeichnen. Als rechtslastig teilweise ja. Als faschistoid – auch teilweise. Die Grenze zum Nazi sein überschreiten sie aber denke ich alle bewusst nicht – ob jetzt, weil sie es schlicht nicht sind oder weil es sonst mehr Probleme geben würde, sei dahin gestellt.

Aber ich mag so Bands wie Feindflug andererseits auch sehr gerne. Ich mag den Stil. Ich mag die Musik. Aber ich habe das Gefühl, dass es mittlerweile fast nichts mehr gibt außer Bands mit Nazi-Ästhetik. Willst du erfolgreich sein – mach was mit Patriotismus, mach ein Lied über Deutsch sein, spiel mit Nazi-Ästhetik und schwupps – biste im Rennen. Liegt natürlich auch am Publikum. Es scheint ein riesen Klientel dafür zu geben.

Und zwar überall. Nicht nur in der schwarzen Szene. Die ist mittlerweile eben einfach nur noch ein etwas anderes Abbild des Mainstreams. Und die kritische Auseinandersetzung fehlt in anderen Richtungen doch eher noch mehr. Die schwarze Szene ist wenigstens nur in Teilen extrem unpolitisch oder rechtslastig.

Was mir bei der Geschichte in der Gothic-Szene aber fehlt, ist die kritische Auseinandersetzung damit. Meine These: Es ist schlimmer geworden und die Szene definitiv konservativer bis hin zu rechtslastiger. Partys, auf die ich mit 16 gegangen bin, waren musikalisch definitiv noch nicht so „deutsch“, was die Textinhalte betrifft.

Sehe ich nicht so. Früher (80er) gab´s den Scheiß ehrlich gar nicht, nicht in meiner Bubble jedenfalls, da hast du die Herkunft aus dem Punk eher noch gespürt. Unpolitisch ja, aber Nazis??? Das gab´s nur bei komischen Amibands (Radio Werewolf z.B.) und bei Neofolk, was Du übrigens geschickt ignoriert hast, obwohl hier ein großer Kern des ganzen Übels liegt. Hier ist nämlich ein toller Ankerpunkt gewesen in den 90er für rechte Ideologen, ihren Kram anzubringen. Da gibt es einiges zu im Netz, die Bremer waren da sehr aktiv gegen, mußt du mal googlen. Und bevor jetzt wieder wer schreit: Ich meine nicht Neofolk = generell Nazimusik. Aber die Nutzung der gleichen Symbolik macht da vielleicht doch eher anfällig. Jedenfalls hat sich für mich seit den 90er nicht viel geändert in der schwarzen Szene an Menge des rechten Gedankengutes, höchstens vielleicht an Ausprägung, also Ankunft in Untergruppierungen abseits von Neofolk/Nazilectro.

Und vom dem Kokettieren mit der Nazi-Ästhetik kann man ja vieles halten – das Problem ist, dass ich das Gefühl habe, dass es in dieser Szene eben schon was mit Politik zu tun hat. Je dominanter all das wird, desto deutlicher die Rechtslastigkeit. Nein, beweisen kann ich das nicht. Aber es ist eine These aus dem, was ich erlebt und beobachte habe. Es gefällt mir nicht. Es macht mir Angst. Und es sorgt dafür, dass ich mich auf dem Großteil der Gothic-Partys schon lange nicht mehr wohl fühle.

Du gehst auf die falschen Parties! 😉

Als Gegenargument kommt dann häufig, wenn ich sowas anspreche: „Aber guck mal, Steve Naghavi ist Iraner – der kann kein Nazi sein” oder „Trans*Homo* Menschen sind bei uns akzeptiert und selbstverständlicher Teil der Szene – das wäre bei Nazis nie so…” Was diesen Menschen irgendwie nicht in den Sinn kommt, ist, dass man nicht deutsch oder Hete sein muss, um rassistische, islamophobe oder andere diskriminierenden Meinungen von sich zu geben. Ich kenne auch ´nen rassistischen Türken. Das ist kein Widerspruch.Und hey – auch die rechte Szene entwickelt sich weiter. Bleibt nicht stehen. Der moderne Rechte ist meines Erachtens nach gar nicht so homophob (sollen halt alle gleichberechtigt sein in gewissem Maße) und auch gar nicht so rassistisch – wenn sich nur alle 100% anpassen, die Klappe nicht aufmachen, doppelt so hart für alles arbeiten und ständig betonen, wie sehr sie Deutschland lieben.

Nachtrag: Die @_cynthia_sarah hat mich auf das Thema Funker Vogt aufmerksam gemacht, die 2013 den Sänger Sascha Korn aufgenommen hat, aber dann nach relativ kritischem Feedback wegen seiner Rechtslastigkeit 2014 die Zusammenarbeit wieder beendet hat.

Und die freundliche Kommentatorin des Textes hat mich noch auf diesen Blog hingewiesen.

Ich werde mir übrigens mal bei Gelegenheit das Buch “Nazi Chic – Nazi Trash” zu legen. Klingt spannend…

Advertisements
This entry was posted in Musik and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s