Moral und Politik

8. Dezember 2012

…. und warum Moral in einer politischen Debatte nichts zu suchen hat – am Beispiel vom Umgang mit Sexarbeiter_innen

Definition Moral (kopiert von http://tendedunchu.wordpress.com/2008/03/10/definitionen-von-ethik-moral-und-ethos/ und http://de.thefreedictionary.com/Moral )

Das Wort „Moral” übersetzt aus dem lateinischen „mores” bezeichnet die Sitten und Gebräuche, denen man als Mitglied einer kulturellen Gemeinschaft dann zu folgen hat, wenn man die fraglichen Handlungen „gut” machen will. Sie gut machen zu wollen heisst, sich nach dem richten zu wollen, was wirklich gut ist und nicht nach dem, was gut zu sein scheint. „Es gut zu machen” heisst aber nicht dasselbe wie „es so zu machen, wie es üblich ist”; die Vorstellung vom Guten sollte zwar bestimmen, was üblich ist, das Gute und das Übliche werden im Regelfall aber nicht einfach zusammenfallen.

Mo·ral die (kein Plur.)
1. (≈ Ethik, veralt. Sittlichkeit) aus kultureller und religiöser Erfahrung gebildetes Regel-, Normen- und Wertesystem, das in einer Gesellschaft als Verhaltensmaßstab betrachtet wird
Arbeits-, Sexual-
2. das sittliche Empfinden eines Einzelnen, einer Gruppe Das ist doch eine doppelte Moral.
3. Disziplin Die Moral der Mannschaft ist ungebrochen.
demoralisieren
Zahlungs-
4. eine Lehre, die aus etwas gezogen werden kann Was ist also die Moral dieser Geschichte?

Ich wollte vor längerer Zeit einen Beitrag über den 1. Frankfurter Prostitutionskongress schreiben. Das habe ich leider deswegen nicht geschafft, weil es so viele Informationen waren, die ich nicht in der Lage war zu filtern. Jetzt stosse ich aber regelmäßig wieder auf dieses Thema und deswegen möchte ich folgenden Aspekt herausgreifen.

– Wie mit der moralischen Begründung Menschen in einer politischen Debatte erniedrigt und entmündig werden. –
Hinzu kommt, dass ein Großteil dieser Menschen Frauen mit Migrationshintergrund sind. Sie stellen eine Gruppierung von Menschen dar die in dieser Gesellschaft meist sowieso schon von (struktureller) Diskrimierung betroffen sind.

Ich habe dafür als Beispiel eine Forumsdebatte auf der Seite der Emma genommen.

Hier der link zum Forum.

Es ist eine Debatte über einen Artikel, der in der Emma erschienen ist. Ich habe den Artikel nicht gelesen. Brauche ich aber auch nicht um die Kommentare die darunter stehen trotzdem noch ziemlich dämlich zu finden.

„Freiwillig“ ist wohl einzig die Flucht aus der Prostitution.
Auch wenn sie unter furchtbaren Leidensdruck geschieht.
Alles andere an der Prostitution ist erzwungener ungewollter Sex!“

Warum ist diese Aussage moralisch und dumm, und vorallem dumm, weil sie moralisch ist?

1. Geht die Autorin davon aus, dass alle Menschen die als Sexarbeiter_innen arbeiten wahrscheinlich durch Umstände die vorallem finanzieller Art sind, dazu gezwungen werden. Da frage ich mich natürlich, geht sie arbeiten und wenn ja, warum? Wahrscheinlich weil sie da voll Bock drauf hat oder weil sie Geld verdienen muss? Klar, es gibt Menschen die haben so viel Geld, die müssen nicht arbeiten aber ich würde mal behaupten, über die brauchen wir jetzt nicht zu reden.

2. „Die Flucht aus der Prostitution“ Ist das nicht eher ein Argument für eine Gesetzgebung die für und mit Sexarbeiter_innen gemacht ist, die Ihnen eine rechtliche Absicherung gibt etc? Dann wäre nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass ein_e Sexarbeiter_in sich in Abhängigkeiten begeben muss, aus denen sie nicht mehr einfach raus kommt wesentlich geringer.

3. „Alles andere an der Prostitution ist erzwungener ungewollter Sex!“
Alles andere (also alles ausser der dramatisch leidenden Flucht) ist erzwungener ungewollter Sex.
Das mit dem erzwungen hatten wir schon. Wenn es keine Abhängigkeiten z.b. von finanzieller Seite gäbe, Miete, Essen, Familie zu finanzieren dann wäre es besser. Ja, da widerspreche ich nicht. Aber erzwungen? Ich habe auf dem Prostitutionskongress selbstbewusste Frauen* kennen gelernt, die natürlich des Geldes wegen Sexarbeiter_innen sind, aber die den sexuellen Part als Dienstleistung betrachten. Als ihren Beruf. Die eigene Wahrnehmung und das eigene Empfinden bei der Ausübung von sexuellen Praktiken ist sehr unterschiedlich. Und da gibt es auch noch einen Unterschied zwischen den Sexarbeiter_innen die sich die Freier* aussuchen können und denen die eben in etwas weniger gut gestellten Einrichtungen arbeiten und wesentlich weniger Lohn bekommen, aber defakto sagt die Autorin ja grade, dass alle Menschen die sich als Sexarbeiter_innen verstehen im Berufsleben permanente Ver**w****gu** erleben. Was zur Hölle? Ich bin keine Sexarbeiter_in. Aber ich würde jetzt mal die These aufstellen, dass ich da ein paar finden werde, die das def. nicht so empfinden. Was uns auf den Punkt bringt: Es geht um das Leben der Sexarbeiter_in und nicht um das Mitleidsempfinden einer* Emma- Leserin* was ausgelebt werden möchte. Ausserdem – und jetzt werde ich polemisch – wenn ich nach jedem erlebten sexuellen Übergriff Geld dafür bekommen hätte, wäre wenigstens der Alkohol den ich mir danach reinschütten musste um erst mal drauf klar zu kommen, bezahlt gewesen. Weil Anzeige erstatten ist in diesem, unserem Land leider eher sinnlos.
Ein weiterer Aspekt – wenn alle Sexarbeiter_innen immer ver****lt**t werden, was passiert dann, wenn einer das wirklich passiert und sie es zur Anzeige bringen will? Darf dann die Polizei sagen, dass das ihr ja eh ständig passiert und sie ja Geld dafür bekommt, also was beschwert sie sich? Oder anders herum: Darf dann der nächsten betroffenen Person gesagt werden – Ey hätteste mal Geld dafür genommen, gibt genug die das machen und die jammern auch nicht?

Was alles an so kleinen drei Halbsätzen an Gedankengut zu finden ist. Spannend oder? Die Person meint es garantiert nicht böse. Bringt nur der Sexarbeiter_in nichts, die permanent einer solchen gesellschaftlich akzeptierten Moral ausgesetzt ist. Und da kommen wir zu einem entscheidenden Punkt: Würde „Prostitution“ genauso aussehen, mit all den Problemen die es garantiert auch gibt, wenn diese Moral nicht da wäre?

eine 2. Passage aus dem Forumseintrag

„Ein Mensch kauft einen anderen Menschen.
Bezahlt und freigegeben zum benutzen.“

Für Sex zu bezahlen ist also wie wenn ich mir einen Menschen kaufen würde?
Wenn ich für Sex bezahle gibt es also keine Regeln? Da hat jemand keine Ahnung. Es klingt aber dramatisch und passt besser in die Moralvorstellung, dass Sex das Intimste ist, was den Menschen ausmacht und es keine Menschen geben kann, die anders empfinden. Stimmt wenn ich mit jemandem schlafe – das ist das Intimste der Welt für mich. Aber Sex? Nun ja, aber die Person nimmt ihren Standpunkt und stülpt ihn halt mal unreflektiert allen Sexarbeiter_innen und auch der Umgebung über. Weil – sie sagt mir automatisch als nicht Sexarbeiter_in – akzeptiere das und du akzeptierst das Kaufen von Menschen.

Der Rest des Forumeintrages klingt so nach schlechtem Krimi, dass ich nicht weiter darauf eingehe.

Die nächste Person. Etwas reflektierter aber sie benutzt das Wort Tierholocaust. Deswegen geh ich nicht auf sie ein. Holocaustrelativierer_innen zitiere ich nicht.

Die nächste Person ist schon wieder spannender

„Für mich ist das hier der unbestreitbare Kern im System der Prostitution:… und nur auf die zwei Menschen schaue, die sich in der Prostitution begegnen, dann will die eine Person Sex – und die andere will keinen. Ohne diese Grundvoraussetzung brauche ich keine Prostitution, denn wenn zwei Menschen beide Sex miteinander haben möchten, dann gibt es keinen Grund, dass einer dafür bezahlt. Selbst beim teuersten Escort-Service in einem Fünf-Sterne-Hotel will sie nicht Sex, sondern Geld. Es gibt also immer die Ungleichheit der Lust. Prostitution entspricht dem rechten Konzept einer hierarchischen Klassengesellschaft, in der einige die Entscheidungen treffen und andere sie ausführen.
Damit ist alles gesagt zur sogenannten Freiwilligkeit. „

Es fallen die Worte Hierachie und Klassengesellschaft. Mir als Linker geht da ja das Herz auf. Beim Rest aber nicht.
Sie urteilt moralisch aus der gesellschaftlichen Annahme heraus, dass Sexarbeiter_innen, da sie Geld für sexuelle Dienstleistungen jeglicher Art nehmen, keinen Spaß daran haben. Wo sonst immer Sexarbeit nicht als Arbeit definiert wird, wird das hier getan. Die meisten Menschen gehen nämlich nicht arbeiten, weil es Spaß macht, sondern weil es Geld bringt. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass Sex immer Spaß macht. Ist aber andererseits auch nicht anderes, als wenn ich jemanden abends mit nach Hause nehme, das heißt auch nicht zwangsweise, dass ich Spaß habe oder Lust empfinde.
Und wenn zwei Menschen miteinander Sex haben möchten, gibt es keinen Grund zu bezahlen. Hm. Es gibt ja aber offensichtlich genügend Menschen die eben keine_n Partner_in haben bzw auch keine_n wollen. Dürfen die dann keinen Sex haben?

Und nun zu dem Statement „Prostitution entspricht dem rechten Konzept einer hierarchischen Klassengesellschaft, in der einige die Entscheidungen treffen und andere sie ausführen“ Und *tadaaaa* hier haben wir sie wieder. Die Vorstellung von der armen Sexarbeiter_in die vollkommen unfrei und unmündig ist und nichts entscheiden kann. Fail. Natürlich, wir leben in einer Gesellschaft voller Abhängigkeiten, aber bei der Politik rund um Sexarbeiter_innen darf es doch nicht darum gehen diese Abhängigkeiten und Rahmenbedingungen noch zu verschärfen, oder zu behaupten die Betroffenen wären nicht in der Lage dazu über ihr Leben selbst zu entscheiden.

Es gibt noch viel zu viel zu dem Thema zu sagen, aber ich wollte versuchen nicht zu ausufernd das Gedankenbild hinter solchen Argumentationen aufzuschreiben.
Es ist, um auf die Moraldefinitionen zurückzukommen, eine Debatte in der das eigene Verständnis von „gut“, „schlecht“ etc. auf andere Menschen bezogen wird und vorallem ein „wir wissen was gut für euch ist“ Grundtenor, gegenüber allen Sexarbeiter_innen vorherrscht. Politik sollte aber niemals aus der Perspektive „Meine gut-schlecht Vorstellung für den Rest der Welt“ sondern immer auch aus der Perspektive der handelnden, agierenden, betroffenen Personen passieren. Es sind nie homogene Gruppen, aber da muss eine Person die Politk macht schauen – wie kann ich den Menschen den Lebensentwurf ermöglichen, den sie gewählt/sich ausgesucht haben mit der Perspektive im Hintergrund, wie kann ich Ursachen in einem Gesamtbild verändern. Es hat ja nen Grund warum es so viele Sexarbeiter_innen aus Ländern gibt, wo es finanziell noch schlechter aussieht. Dann muss ein Politkansatz eben sein – wie kann der Reichtum dieser Welt anders verteilt werden, damit Menschen nicht dazu gezwungen sind Familie und Freunde zu verlassen (nur wenn sie eben wollen).

 

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