„..manchmal kann auch bis über ein Jahr vergehen“

Über die Situation minderjähriger Flüchtlinge in Frankfurt

Dieses Interview führen wir mit Marja Griepenburg, die in einem Clearinghaus für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) gearbeitet hat. Wir haben sie angefragt, uns von der Situation junger Flüchtlinge zu berichten, da die meisten dort in laufenden Verfahren sind und es ihnen Probleme machen könnte, wenn sie ein Interview über ihre Situation geben.

Wir wollen mit diesem Interview versuchen, beispielhaft aufzuzeigen, wie die Situation junger Flüchtlinge hier in FFm ist. Es sind persönliche Erfahrungen einer Person und damit natürlich auch subjektiv.

Hallo Marja, du warst in einem Clearinghaus für UMF tätig. Was genau war da dein Job, was war die Situation in der du gearbeitet hast?

Das Clearinghaus für UMF ist die erste Anlaufstation für UMFs. Das heißt es ist der Ort, an dem die Jugendlichen nach ihrer Ankunft in Deutschland, bzw. Frankfurt von dem Jugendamt untergebracht werden. Hier verbringen sie die ersten Monate. Ich war dort als Sozialpädagogin tätig. Ein Team von einigen Pädagogen und Pädagoginnen ist im Wechsel rund um die Uhr für 22 Jugendliche als Ansprechpartner und Begleiter vor Ort. Das heißt zur Arbeit gehörte beispielsweise die Begleitung zu Terminen beim Rechtsanwalt genauso wie das abendliche „ins Bett bringen“.


Wenn ein junger Mensch zu euch kommt, was passiert dann normalerweise?

Wenn ein junger Mensch in Frankfurt ohne gültige Aufenthaltspapiere von der Polizei aufgegriffen wird und angibt minderjährig zu sein, wird er im Idealfall sofort dem Jugendamt vorgestellt. Wenn mehrere Mitarbeiter_innen des Jugendamts die Einschätzung teilen, dass der junge Mensch minderjährig ist, wird er zu uns ins Clearinghaus gebracht. Ähnlich läuft das Verfahren, wenn die Jugendlichen sich selbst beim Jugendamt melden, oder aber am Flughafen ankommen.

Im Clearinghaus geht es dann erst einmal darum, den Jugendlichen einen Schutzraum zu bieten. Viele Jugendliche sind lange auf der Flucht gewesen, oft sehr erschöpft von der Reise. Oft essen sie sich erst einmal satt, duschen und schlafen sich aus. In den ersten zwei Wochen werden sie dann gesundheitlich durchgecheckt, indem wir sie zu einer Untersuchung beim Gesundheitsamt begleiten. Auch ein erster Termin mit einem Anwalt, der als rechtlicher Pfleger bestellt wurde, wird vereinbart, um ggf. einen Asylantrag zu stellen. Die Mitarbeiter_innen des Jugendamts führen Hilfeplangespräche, um die Jugendlichen und ihre Situation besser kennen zu lernen und weitere Schritte planen zu können. Aber auch so ganz praktische Dinge wie gemeinsam Kleidung einkaufen gehört zu der ersten Zeit. Viele Jugendliche kommen ohne Gepäck und brauchen ganz dringend erst einmal eine Grundausstattung an Kleidung.

Wie ist das Leben in dem Haus?

Im Haus selber versuchen wir so viel Alltag wie möglich „durchzusetzen“. Vormittags haben die Jugendlichen obligatorischen Deutschunterricht bei zwei Lehrerinnen, nachmittags haben sie Freizeit. Theoretisch bieten wir Freizeitangebote für die Jugendlichen an. Praktisch ist es aber eher so, dass das unter der Woche die Ausnahme ist. Der Betreuungsschlüssel lässt dies oft nicht zu. Ist z.B. ein Jugendlicher krank und muss zum Arzt begleitet werden, so fällt der geplante Ausflug für die anderen aus. Am Wochenende ist aber meistens mehr Luft für Unternehmungen außerhalb des Hauses, um schöne Dinge zu erleben und Frankfurt und Umgebung besser kennenzulernen.

Generell soll den Jugendlichen in der ersten Zeit einfach ein Ankommen, ein zur Ruhe kommen und ein erstes Aufatmen ermöglicht werden. Sie sind so sehr geprägt von der oft monatelangen Flucht, oder aber den schlimmen Erlebnissen in ihrer Heimat. Ich habe es oft erlebt, dass Jugendliche in den ersten Nächten in ihrer kompletten Kleidung schlafen, manchmal sogar mit Schuhen. Da hat es gar nix gebracht, sie mit Worten vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Dann nach ein bis zwei Wochen wirkten sie entspannter und plötzlich fiel mir auf, dass sie ihren Schlafanzug zum Schlafen tragen Es war immer wieder sehr schön zu sehen, dass die Jugendlichen nicht mehr ständig „fluchtbereit“ sein mussten, sondern offensichtlich das Gefühl hatten, sich in einem „sicheren Raum“ zu befinden.

Die Jugendlichen finden sich in der Situation wieder, dass sie alleine und orientierungslos in einem fremden Land sitzen, indem sie manche Strukturen nicht durchschauen können und alltagspraktische Dinge nie gelernt haben. Das Leben im Haus ist auch davon geprägt, den Jugendlichen hier Orientierung und Unterstützung anzubieten. Einerseits geschieht das durch uns, die Betreuer. Einen großen Teil übernehmen aber immer auch die UMFs, die schon länger im Haus leben und sich immer sehr um die Neuankömmlinge bemühen und sich gegenseitig unterstützen. Wie bediene ich eine Spülmaschine? Wie lese ich einen Busfahrplan? Wie fahre ich U-Bahn? Was ist der Unterschied zwischen einer Duldung und einer Gestattung? Wie funktioniert das deutsche Schulsystem? Fragen über Fragen die Stück für Stück beantwortet werden können. Auch hier hat es mich immer wieder sehr beeindruckt wie neugierig, wissbegierig und motiviert die Jugendlichen sind, sich in dieser neuen Welt und den neuen Strukturen zurechtzufinden.

Was sind die größten Hürden?

Ein großes Problem stellt das überlastete System in der Jugendhilfe in diesem Bereich dar. Es ist sehr sinnvoll, dass die Jugendlichen erst einmal ein Clearingverfahren durchlaufen, in dem sich ihre Situation in den ersten Wochen ein wenig klärt. Manche Jugendliche haben z.B. entfernte Verwandte in Hessen – die werden ausfindig gemacht und dann kann der Jugendliche in einer Jugendhilfeeinrichtung in der Nähe der Verwandten dauerhaft untergebracht werden.

Eigentlich ist der Aufenthalt im Clearinghaus auf ca. zwei bis vier Monate vorgesehen. In der Praxis ist es aber so, dass viele Jugendliche viel länger auf einen Platz in einer dauerhaften Jugendhilfeeinrichtung warten. Manchmal sprechen sie schon fast fließend Deutsch, warten seit Monaten auf eine Verlegung in eine andere Einrichtung, warten darauf endlich zur Schule gehen zu dürfen und sehnen sich nach einem Ort, wo sie ihr Leben beginnen und aufbauen können.

Es gab und gibt in Hessen immer wieder Engpässe was die Unterbringung von UMFs angeht. Somit durchlaufen viele Jugendliche nach ein paar Monaten im Clearinghaus oft eine Krise. Sie hängen in einer Warteschleife, fühlen sich vergessen. Das wirkliche Leben beginnt noch nicht, sie dürfen noch keine normale Schule besuchen, sie sollen seitens der Behörden nicht zu viele Kontakte in Frankfurt knüpfen (z.B. durch einen Eintritt in einen Sportverein), die Mitbewohner_innen im Clearinghaus wechseln ständig…Aber weiter geht es für sie oftmals über Monate auch nicht.

Dann wiederrum gibt es Situationen, in denen die Jugendlichen von einem auf den anderen Tag spontan verlegt werden. Ohne zeitige Vorankündigung. Wenn ein Jugendlicher dann beispielsweise sieben Monate bei uns war und von jetzt auf gleich aus den Strukturen gerissen wird, kaum Zeit für einen gebührenden Abschied bleibt, wird sicherlich nicht im Sinne des Jugendlichen gehandelt. Die UMFs sind oft schwer traumatisiert. Einerseits durch die Situation in ihrem Heimatland, aber oft auch durch die Flucht. Sie haben Erfahrungen im Abschiednehmen und Verlassen gesammelt, die sich die meisten von uns nicht vorstellen können. Diese jungen Menschen dann wieder so aus den Strukturen zu reißen, sehe ich kritisch.

Auch die Verlegung an sich ist immer ein schwieriges Thema für die Jugendlichen. In Hessen sind viele Jugendhilfeeinrichtungen für UMFs in sehr ländlichen Gegenden. Die Verlegung raus aus Frankfurt (oder einer Stadt) ist für die meisten Jugendlichen nicht nachvollziehbar. Sie haben das Gefühl abgeschoben und ihren schon aufgebauten Strukturen in Frankfurt entrissen zu werden.

Für uns war es immer sehr schwierig den Jugendlichen zu erklären, dass sie keinen Einfluss auf diese Entscheidung haben und sich den staatlichen Strukturen beugen müssen, während es an anderer Stelle zu unserer pädagogischen Aufgabe gehört, die Selbstbestimmtheit dieser jungen Menschen zu fördern und zu stärken.

Trotz dieser Kritik, ist es mir wichtig an diesem Punkt nochmal anzumerken, dass die Situation im Clearingverfahren für UMFs in Hessen und im speziellen in Frankfurt im Vergleich zu anderen Bundesländern außergewöhnlich gut ist.

Was passiert alles während einem Verfahren?

Den UMFs wird die illegale Einreise zur Last gelegt und in Folge werden sie erst einmal während des Clearingverfahrens erkennungsdienstlich behandelt. Somit wird festgestellt, ob sie in einem anderen europäischen Staat schon erkennungsdienstlich behandelt, bzw. ob schon ein Asylantrag gestellt wurde und sie dadurch unter die Dublin II Verordnung fallen. Dann ist es nicht mehr möglich, einen Asylantrag in Deutschland zu stellen. Oft stecken hinter diesen Dublin II-Fällen sehr tragische Geschichten. Viele Jugendliche sind seit Jahren in Europa unterwegs und werden regelrecht durch Europa gejagt.

Gibt es keinen Treffer bei EURODAC (Europäische Datenbank zur Speicherung von Fingerabdrücken) kann der Jugendliche, bzw. sein Anwalt in Deutschland einen Asylantrag stellen. Daraufhin folgt dann oft erst nach Monaten – manchmal kann auch bis über ein Jahr vergehen die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Gießen. Daraufhin wird dann über den Asylantrag entschieden, auch das dauert meist wieder Monate.

Was passiert danach?

In den letzten zwei Jahren habe ich ca. 200 Jugendliche kennengelernt und deren Verfahren verfolgt. In drei Fällen habe ich es erlebt, dass Jugendliche im Clearingverfahren als Flüchtlinge anerkannt wurden und somit eine Aufenthaltserlaubnis für vorerst drei Jahre erhalten haben. Viel öfter habe ich es erlebt, dass der Asylantrag abgelehnt wurde. Dann wird gegen diese Entscheidung geklagt.

Es ist eine sehr schwierige Zeit für die Jugendlichen. Ein Verfahren und die damit einhergehende Unsicherheit ziehen sich über Monate und Jahre hinweg. Besonders schwierig wird es für die, die während eines Verfahrens 18 Jahre alt werden. Der Anspruch auf eine/n rechtlichen Pfleger_in entfällt mit der Volljährigkeit und die Jugendlichen stehen dann mitten im Verfahren ohne Anwalt dar.

Danke, dass du uns einen Einblick in deine Arbeit und die Lebenswelt der Jugendlichen gegeben hast.

 

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