Junge Union unterstützt fundamentale Abtreibungsgegner_innen

Auch dieses Jahr fand in Berlin wieder der sogenannte „Marsch für das Leben“ statt.

Am 22.09.2012 mobilisierten sie bereits  zum Dritten mal. Aber auch in anderen Städten gingen Christ_innen und fundamentale Abtreibungsgegner_innen unter dem Motto „für ein Europa ohne Abtreibung und gegen Euthanasie“ auf die Straße. Und auch die Junge Union und die Senioren Union waren wieder mit dabei.
Bereits vor einigen Wochen war die Deutsche Bahn diesbezüglich in die Kritik geraten, da sie verbilligte Tickets nach Berlin für Teilnehmer_innen des Marsches anbot. Sie rechtfertigte sich damit, dass sie dies generell tue, solange es sich nicht um Veranstaltungen handle, die sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung stellten. infos dazu findet ihr unter http://maedchenmannschaft.net/update-deutsche-bahn-findet-es-voellig-normal-abtreibungsgegner_innen-billiger-zu-transportieren/

Aber worum geht es konkret?

Das Fabulieren von Euthanasie

Der Begriff Euthanasie kommt von dem griechischen Begriff eu thanos – schönes oder gutes Sterben. Er beschreibt ursprünglich auch Handlungen von Menschen die schwerstkranken und/oder bereits sterbenden Menschen aktive oder passive Hilfe leistet, um diese beim Sterben zu unterstützen. Es sollte Menschen ein selbstbestimmter und möglichst leidensarmer Tod ermöglicht werden. Diese Handlungen werden heute unter der Bezeichnung „Sterbehilfe“ gesellschaftlich kontrovers diskutiert.
Der Begriff Euthanasie hingegen findet nur noch unter den strikten Gegner_innen gebrauch, da dieser während der Naziherrschaft in Deutschland durch die faschistische und mörderische „Rassenhygiene“ umgedeutet und missbraucht wurde, um eine systematische Ermordung von Kranken, Menschen mit Behinderung und anderen Menschen, die nicht dem „Rassenbild“ der Nazis entsprachen, zu rechtfertigen und diese damit zu verharmlosen. Der Begriff Euthanasie bleibt daher bis heute mit diesen Verbrechen unwiderruflich verknüpft. Die Verwendung des Begriffes stellt den Versuch dar eine Diskussion im Keim zu ersticken, da sie jeden Menschen der sich in diese Richtung äußert auf die Stufe mit den Verbrechern des „Dritten Reichs“ zu stellen versucht.

Stigmatisierung von Abtreibung

Der Aufruf ging jedoch noch einen Schritt weiter: Durch die Nennung von Abtreibung und Euthanasie in  einem Atemzug – und damit die explizite Gleichstellung der Begriffe – stellt er Frauen*, die sich gegen ein Kind entscheiden, in eine gedankliche Reihe mit den Verbrechen der Nazis– und so eine Entscheidung fällt nur in seltenen Fällen leicht – ebenfalls auf die gleiche Stufe. Er stellt somit abtreibungswillige Frauen* als kaltblütig kalkulierende Mörder_innen dar. Die zur Floskel verkommene Verwendung  des Satzes „Niemand kann sagen, wir haben von nichts gewusst“ im Handout von 2011 unterstreicht die gewollte Vernüpfung von abtreibungswillen Menschen, die Abtreibung nicht per se ablehnen mit NS Verberchern. Gleiches gilt für den Titel der Veranstaltung. Nicht zufällig war dieser an den „Marsch des Lebens“ – eine Veranstaltung, die europaweit an die Opfer des Holocaust erinnern soll, angelehnt.

Bei etwas, wo es um das Selbstbestimmungsrecht einer Frau* geht, zu sagen – „Nein , ich fühle mich dieser Lebenssituation nicht gewachsen“ – ist diese Themenverknüpfung unpassend.
Gerade in Deutschland ist die Frage der Abtreibung häufig eine nicht einfach zu beantwortende, da durch Gesellschaft und Umfeld die Angst vor einem Kind mit Behinderung riesig ist und die eigentlich mal als Ausnahme eingeführten Pränatalen Diagnosen mittlerweile Standart sind und Ja – es ist mehr als bedenklich das Kinder mit Behinderung auch bis zum 8. Monat vor der Geburt abgetrieben werden dürfen – aber Abtreibungen deswegen grundsätzlich zu verbieten und sie in eine Reihe mit den Verbrechen der Nazis zu stellen ist nicht zu akzeptieren.

Ein Blick in die Unterstützer_innen Liste

Ein Blick in die Liste der Unterstützer_innen verrät schnell, dass es sich vornehmlich um christliche bis fundamental christliche Organisationen handelt, die allzu oft mit wörtlichen Bibelauslegungen und alten, längst überholten Rollenbildern auf sich aufmerksam machen.

So propagiert Das Weißes Kreuz die Enthaltsamkeit vor der Ehe und die psychische Heilbarkeit aller nicht heterosexuellen Neigungen. Die Jugend für das Leben verteilt Embryonenmodelle mit falschen Schwangerschaftswochenangaben. Eine Lüge um Menschen anzuklagen und psychisch unter Druck zu setzen.
pro conscientia ist eine explizit bibelgebundene Organisation, die neben dem Hochhalten des Ehegelöbnis und der Enthaltsamkeit gerne auch andere Religionen, wie z.B. den Islam, herabwürdigt. Die Aktion Leben zeichnet sich durch Warnbriefe und Berichte von traumatisierten Nicht-Müttern mit nicht endend wollenden Schuldgefühlen aus. Und das obwohl bekannt ist, dass Schuldgefühle und Traumata gerne auch durch Dritte vermittelt werden. Selbstverständlich fehlt die Partei Bibel treuer Christen bei diesem Aufruf nicht – genauso wenig wie die Junge Union und viele andere ultrakonservative Vereinigungen.

Einen konstruktiven Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte über Abtreibung lieferte die Veranstaltung in Berlin und in anderen Städten nicht. Aufrufende und Teilnehmende nutzen die teilweise sehr emotional geführten Debatten, um auf dem Rücken direkt betroffener Menschen ihre eigene Heilslehre zu verkünden.

Dabei wird sich allzu oft auf die reine Lehre des Glaubens versteift und verfehlt dabei den Kern der Thematik: Menschen, die für ihr eigenes Leben schwere Entscheidungen treffen müssen. Anschuldigungen, Diffamierungen oder gar Angriffe helfen diesen Menschen nicht. Solches Vorgehen setzt sich eben nicht mit den Betroffenen auseinander, sondern nur mit eigenen Moral- und Wertvorstellungen.

Und weiter?…

Kontroverse Debatten zum Thema, gerade in Bezug auf PID (Präimplantationsdiagnostik) und vorallem PND (Pränatalediagnostik) sind nicht grundsätzliche abzulehnen. Sie müssten sich dabei an gesellschaftlichen Entwicklungen und Erkentnissen orientieren und dürften nicht im vorletzten Jahrundert verweilen. Die Frauenbewegung und den Kampf für Selbstbestimmung gab es nicht umsonst.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich um viele fundamentale christliche Organisationen handelt, die jegliches Selbstbestimmungrecht der Frau* einschränken wollen. Umso schockierender ist es, dass Teile der CDU (JU und Senioren) diesen Aufruf unterstützten und die Deutsche Bahn sogar mit ihnen kooperierte. Einfach so als ob die Frauenbewegung nie da gewesen wäre…
Die Themen Abtreibung/PID/PND/Sterbehilfe, sind nicht so einfach zu verknüpfen wie es sich hier einige Organisationen machen.
Aufklärung und sexualtherapeutische Aufklärung müssen an verschiedensten Stellen wie Schule, Vereinen und vielen mehr ansetzen. Sie sollten darauf eingehen was eigene Sexualität bedeutet, wie damit ein reflektierter Umgang möglich ist, wie gelernt werden kann bewusst „Nein“ und „Ja“ und „ich will…“ zu sagen und was es für Verhütungsmöglichkeiten es gibt – auch neben Kondom und Pille. Bildung ist immer ein bessere Weg als Verbote, die Menschen auf ewig in ihrem selbstbestimmten Leben einschränken und stark traumatiesieren könnten.

Der Text stammt nicht nur von mir sondern wurde zusammen mit anderen Genoss_innen aus der linksjugend [’solid] Hessen geschrieben.

 

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